Beinlos in Berlin

Gerade neulich ist mir aufgefallen, dass ich quasi ein Jubiläum feiern kann. Vor ziemlich genau einem Jahr bin ich in meiner Wohnung übelst gestürzt. Ich weiß noch, dass ich um Hilfe geschrien habe, doch vom Eintreffen des Rettungswagens habe ich schon nichts mehr mitbekommen. Dieser Zustand hielt sich etwa einen Monat, den zweiten Monat widmete ich mich dann Halluzinationen und Albträumen. Das war auch die Zeit, in der mir das erste Bein abgenommen wurde. Ursache waren ineffiziente Gefäße und ein Mangel an Aufmerksamkeit für die Situation meinerseits. Das zweite und letzte Bein war ein Quell massivster Schmerzen, dennoch hatten die Ärzte eine schwache Hoffung, es noch retten zu können.

Lange Rede, kurzer Sinn, diese Hoffnung konnte ich im Mai diesen Jahres in die Tonne treten, metaphorisch gesprochen. Den Schmerzen war kaum noch beizukommen, ein Arzt nannte sie „zerstörerisch“ und traf damit ins Schwarze. Damit war auch dieses Bein Geschichte. Ich muss dazu sagen, dass die Beine nicht komplett amputiert wurden, sondern ab etwa der Mitte des Oberschenkels, was für einen nicht unwitzigen Gesamteindruck sorgt.

Dabei geschah etwas, was mich irgendwie mehr nervte, als alles andere (was ihr mir jetzt glauben könnt, oder nicht): der rechte Stumpf war etwas länger als der linke. Auf gewisse Weise verletzte das meinen (offenbar sehr seltsamen) Sinn für Ästhetik und Symmetrie. Hier jedoch beschloss anscheinend das Universum, mir einen Gefallen zu tun. Der neue Stumpf entzündete sich und entwickelte eine wirklich hässliche Wunde an der Naht. Nach einigem Hin und Her, entschlossen sich die Ärzte, eine neue Naht zu schaffen, indem sie sich noch eine Scheibe von mir abschnitten. Nicht nur, dass die Heilung seitdem ganz wunderbar voranschreitet, die Stümpfe sind jetzt auch (hinreichend) etwa gleich lang. Kurz. Whatever.

Tja, und das ist jetzt der Stand der Dinge. Ich lebe in einer Pflege-WG, in der die meisten Leute – Patienten und Angestellte- russisch sprechen, dafür haben die echt schnelles Internet.

Ach ja, eines noch. Damit ich die Virchow-Charité  (Bein 1, Bein 2 ging an das Martin-Luther-Krankenhaus) wohl nicht vergesse, haben sie mir ein kleines Andenken namens Pseudomonas mitgegeben. Das ist ein sogenannter multiresistenter Keim, der Antibiotika als Snack vorm Fernseher vertilgt. Die Folge ist, ich werde in Isolation gehalten, und je nach Abgeklärtheit des Pflegepersonals erscheinen einige von ihnen nur in einem Ganzkörper-Kondom in meinem Zimmer. Der Keim hat sich anscheinend mittlerweile vom Acker gemacht, Gewissheit bekomme ich aber erst in den nächsten Tagen.

Und, wie war euer Jahr? 🙂